Satiren schreiben Den meisten Schülern macht es Spaß, selber „produktiv“ zu schreiben, also eigenständig Literatur zu produzieren - wenn man sie dazu angeleitet hat. Dabei gibt es viele Formen von
Literatur, die für eine solche Produktion in Frage kommen. Ich übe regelmäßig in Klasse 9 mit den Schülern, wie man Satiren schreibt. Zuerst lesen wir einige und schauen uns an, wie „die Kollegen“ das machen, welche
sprachlichen Mittel sie einsetzen, also etwa- Umkehrung der normalen Verhältnisse (zu einem vorhandenen Klebstoff das passende Material erfinden); - Übertreibung (7000 Meilen über dem Meer) und Untertreibung;
- Ironie (Gesagt wird das Gegenteil von dem, was gemeint ist: Smog als Attraktion von L.A.); - Zusammenstellung von Elementen, die nicht zueinander passen (ein Klebstoff, der vertrauenswürdig aussieht);
- Darstellung makabrer Ereignisse (Ohr abgebissen); - offene Bewertung (abgasverseuchte Luft); - Wortspiele (Man trat mich nieder, statt sich an meinen Idealen aufzurichten.);
- wörtliches Verständnis von Wendungen, die im übertragenen Sinn gemeint sind (Was haben Sie da im Auge?). Meistens werden dann Erzählungen geschrieben; erzählen kann eigentlich jeder. Ein Problem ist, dass die
Schüler zunächst meinen, es müsse „irgendwie“ lustig erzählt und dabei möglichst stark übertrieben werden. Es dauert einige Zeit, bis sie verstanden haben, dass ihnen das Ziel der Kritik klar vor Augen stehen muss.
Dabei genügt nicht ein unbestimmtes Stichwort („das Hobby“), sondern es muss schon ein Sachverhalt in einem dass-Satz formuliert werden („dass manche Leute außer ihrem Hobby nichts mehr kennen“). Für
Satiren gibt es neben der Erzählung auch andere reizvbolle Formen: das Gesetzeswerk, das Gedicht, das Interview, um nur einige zu nennen. Ich möchte im Folgenden die Form des Wörterbuchs vorstellen - mit einem Werk, das
die damalige Klasse 11 c im Schuljahr 1994/95 erarbeitet hat und das von Bastian Haustein, Peter Lietzke und Felix Odenkirchen herausgegeben worden ist. Das vollständige Wörterbuch - man merkt ihm natürlich an, dass es
nicht von einer Klasse 9, sondern von einer tüchtigen Kl. 11 stammt - ist meines Wissens auch in der Schulchronik erschienen. Hier nun wird jeder Buchstabe von jeweils einem Stichwort repräsentiert, während zum Original
knapp 60 Stichwörter gehören; aber um die Idee zu demonstrieren genügen die 26 Stichwörter.
Satirisches Wörterbuch des Franz-Meyers-Gymnasiums
Aufputschmittel |
in Form von Bonbons, Gummibärchen und Kaffee geben sie erst den Schülern die Kraft, mehrstündige Klausuren durchzustehen
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Bibliothek |
Aufenthaltsraum mit schärfsten Sicherheitsvorkehrungen, der vereinzelt als Leseraum missbraucht wird |
Computer |
das kleine runde Loch auf der Vorderseite ist zum Anwerfen, denn wo soll man sonst die Kurbel ´reinstecken? |
Direktor |
der Ti-Rex, nach anderer Darstellung ein aus dem Zirkus übernommenes Leitwesen, das dem Lehrkörper Aufgaben zuteilt und
versucht, ein geordnetes Chaos zu schaffen |
Elternsprechtag |
Tage in einer Schule, an denen die Eltern über die Missetaten ihrer Kinder und die Lehrer über deren Sensibilität
aufgeklärt werden |
FMG |
eine beschauliche Landakademie, die sich nur in einem Punkt von einer Irrenanstalt unterscheidet: in der Telefonnummer
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Großhirn |
zu Gunsten des Kleinhirns der Schüler auf Eis gelegt |
Hauptschule |
Einrichtung, die die Gymnasiasten zum Lernen animiert, weil sie hoffen, niemals dort zu landen; deren Schüler sind
allerdings sehr schlagfertig |
Inkompetenz |
ein äußerst seltenes Phänomen, das meist durch Äußerungen wie „Da fehlt mir dann doch der situative Kontext.“ seitens der
Schüler sowie „Das bringt uns zu weit vom Thema ab.“ seitens der Lehrer kaschiert wird |
Josef |
außer Marias Ehegatte ist uns keiner bekannt; gut, dass Norbert nicht so heißt, denn Josef Tholen klingt irgendwie
unpassend |
Klassenarbeit |
eine Leistungsüberprüfung, bei der die SchülerInnen gemeinsam versuchen, das Beste aus ihrer Arbeit zu machen |
Lehrer |
sind wie Babys; sie glauben, durch Schreien alles zu erreichen |
Müdigkeit |
ein Phänomen, das die Schüler nach der dritten Stunde schlagartig verlässt, um sich zu Beginn der vierten unversehens
wieder einzustellen |
Note |
willkürlich eingesetzte Zahl zur Beurteilung der Leistung, welche doch vom Ermessen des Lehrers abhängt |
Ordnungsdienst |
eine Elitetruppe ständig wechselnder Besetzung, die, mit gefürchteten Universalwaffen (so genannten Zangen
) ausgerüstet, untätig auf dem Schulhof patrouilliert |
PFS |
das PräFerielle Syndrom. Die schwierigste Zeit für die Lehrer ist die letzte Woche vor jedem
Ferienbeginn; denn dann erreicht die Wissbegierde der Schüler ihren Höhepunkt, sodass die Lehrer kaum noch mithalten können |
Quartal |
plötzlich auftauchender Termin, an dem manche Schüler erstaunt feststellen, dass es in der Schule auch Noten für nicht
erbrachte Leistungen gibt |
Raucherzimmer |
das zweite Lehrerzimmer, ein Luftkurort; denn fast alle Lehrer mit Atemwegsproblemen suchen hier Zuflucht |
SV |
die Schülervertretung, deren Mitgliedschaft zu erlangen das Bestreben jedes Schülers ist; wer sich einen Platz erkämpft
hat - leider nimmt auch in der Schule die Korruption immer mehr zu -, genießt hohes Ansehen, schulische Vorteile und satte Diäten |
Toilette |
in vielfacher Hinsicht am meisten benutzte Räume in einer Schule (Hausaufgaben abschreiben, rauchen etc.); besticht durch
ihre Sauberkeit. (Dazu kann man nur sagen: Hoffentlich sieht es bald überall so aus!) |
Unterricht |
eine lästige Randerscheinung der Schule, die ständig die Pausen für 45 min. unterbricht |
Verspätung |
ein heiliges Ritual, das zu Beginn einer jeden Stunde aufs Neue zelebriert wird |
würfeln |
beliebtes Mittel der Lehrer, die Noten festzustellen |
Xanthippe |
Synonym für Lehrerin |
y-Achse |
mathematisches Gebilde, das seit Ewigkeit nach oben strebt und doch nicht von der Stelle kommt; Metapher des schulischen
Lernens |
Zusammenarbeit |
bei Gruppenarbeit verboten, wird jedoch in Klassenarbeiten und Klausuren oft geflissentlich übersehen |
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