Lyrik verstehen - ein Beispiel für die Analyse fiktionaler Texte Fiktionale Texte unterscheiden sich von anderen dadurch, dass der Autor nicht beansprucht, in ihnen bestimmte reale Ereignisse wahrheitsgetreu darzustellen.Wenn also Goethe ein
Liebesgedicht schreibt, dann ist der Ich-Sprecher dieses Gedichtes, das so genannte lyrische Ich, nicht identisch mit dem Autor Goethe: „Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht. (...) Ich sah dich, und die milde Freude Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite, Und jeder Atemzug für dich...“ Goethe ist also vielleicht nachts nach Sesenheim geritten oder auch nicht, aber man versteht das Gedicht noch nicht, wenn man es bestimmten
Episoden aus dem Leben des Autors Goethe zuordnen kann. Auch ist das „Du“, welches hier angesprochen wird, nicht die reale Leserin oder der Leser des 21. Jahrhunderts, sondern eine fiktive Hörerin, an die das Ich sich
wendet. Wir können also zwei Dimensionen unterscheiden: die „wirkliche“ Geschichte, in der der Autor Goethe im 18. Jahrhundert geschrieben hat und in der wir im 21. Jh. leben und lesen; daneben gibt es die fiktionale,
also „bloß“ vorgestellte Wirklichkeit, in der ein ungenanntes Ich erzählt, wie es in der Nacht zu einem Du geritten und sich am Morgen schweren Herzens von ihm wieder verabschiedet hat. Diese fiktive Wirklichkeit hat
Goethe geschaffen; sie steckt „im Text“ und wird von uns beim Lesen neu gebildet. Wie oder wann verstehen wir nun das Gedicht? Zuerst und zuletzt ist es der einzelne Leser, der das Gedicht auf seine Weise versteht.
Dabei geht man als Leser vermutlich von seinen eigenen Erfahrungen aus, mit denen man die im Gedicht dargestellte Wirklichkeit verbindet. So schrieb die Schülerin Nadine K. (Leistungskurs Deutsch, Kl. 12) im Februar
1997: „ Auf mich wirkt am stärksten die letzte Strophe und hier vor allem die letzten zwei Verse, da ich hier die Meinung des Erzählers habe und es
auch als Glück ansehe zu lieben und geliebt zu werden, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht.
Auch finde ich den Rahmen, wie ein junger Verliebter zu
seiner Angebeteten eilt des Nachts, sehr romantisch und schön. Die Gefühle des Eilenden werden gut dargestellt und gerade die Gefühle zum Abschied kann ich sehr gut verstehen und nachempfinden. Ich finde, es ist ein
sehr schönes Gedicht, das auf jeden Menschen und zu jeder Zeit Gültigkeit hat.“ Nun gibt es aber die berühmte Lehrerfrage: „Was
wollte der Dichter uns damit sagen?“ So klug diese Frage auch ist, so schwer ist sie zu beantworten, und zwar aus mehreren Gründen: 1. Uns kannte Goethe überhaupt nicht, und er wusste auch nicht, dass wir dieses Gedicht
im 21. Jahrhundert lesen würden. 2. Es ist fraglich, ob Goethe das Gedicht überhaupt für Leser, also für ein Publikum geschrieben hat. Der Text, 1771 verfasst, findet sich im Nachlass der Friederike Brion; 1775 wurde er
leicht verändert gedruckt; er ist also ursprünglich wohl für Friederike geschrieben worden. 3. Können wir fassen, was Goethe Friederike damit „sagen“ wollte (außer: „Ich liebe dich sehr.“, vielleicht auch: „Ich möchte
einmal des Nachts zu dir kommen.“)? Und wenn es denn die Intention Goethes gäbe, warum hat er den Text 1775 für den Druck verändert (und 1789 noch einmal die Überschrift abgeändert)? Hatte er 1775 also eine andere
Intention als 1771, und welche ist dann „richtig“? Und ist für uns „Intention“ überhaupt außerhalb des Textes greifbar - das heißt, ist sie nicht ein Konstrukt, das wir als Gedichte erzeugendes Prinzip uns denken, aber
nie „haben“ oder nachweisen können? Wenn man das Gedicht wissenschaftlich untersucht, liest man es zunächst wie ein „normaler“ Mensch; danach untersucht man die Geschichte des Textes, die gerade skizziert wurde. Man
untersucht andere Gedichte Goethes aus dieser Zeit, die so genannten „Sesenheimer Lieder“ - Friederike wohnte in Sesenheim im Elsass; man untersucht die Tradition der Liebeslyrik, in der Goethe steht: was er davon
übernommen hat, was er ihr gegenüber Neues geschaffen hat und so weiter. Darüber kann man dann eine Doktorarbeit schreiben. Aber was tut man als Schüler, wenn man die Lyriktradition vor Goethe nicht kennt, von
Friederike nichts weiß und von Goethe vielleicht zwei, drei weitere Gedichte liest, um an ihnen „Lyrik des Sturm und Drang“ kennen zu lernen? Es gibt für diese Situation kein Patentrezept - trotzdem bleibt der Anspruch,
die Schüler sollten das Gedicht verstehen. Wie können sie das, ohne sich in ihren subjektiven Verständnissen zu verlieren? Mein Vorschlag lautet: Sie sollen es vom Sprecher her verstehen. Sie sollen also den Text
sorgfältig und auch laut lesen - Gedichte sind lautliche Gebilde - und dabei zu hören und zu sehen versuchen, was der Sprecher auf welche Weise zu dem angesprochenen oder nur gedachten fiktiven Hörer sagt. Alles, was in
unserem Lehrbuch (Texte, Themen und Strukturen. 1999, S. 178 ff.) „Zur Struktur lyrischer Texte“ gesagt wird, muss also nach meinem Verständnis der Forderung untergeordnet werden: „Man soll alles vom Sprecher her
verstehen.“ - Das kann man dann differenzieren: das Thema und seine Entfaltung sehen, das Thema im kommunikativen Geschehen sehen, die sprachliche Gestaltung beachten und so weiter. Hier gibt es viele differenzierende
Aspekte. Fassen wir deshalb, um sie nicht zu vergessen, unsere elementaren Einsichten noch einmal zusammen: Der einzelne Leser ist der letzte Bezugspunkt jedes Verstehens; er kann sich mit anderen Lesern darüber zu
verständigen suchen, was es da zu lesen gibt, und wird sich dabei der Einfachheit halber an der Frage orientieren: Was sagt der Sprecher zu dem angesprochenen oder nur gedachten fiktiven Hörer auf welche Weise? Man wird
sich also „am Text“ orientieren, um Willkür des subjektiven Verstehens zu begrenzen. Aber nicht der Text tut etwas; auch sagt eine Strophe nichts, kein Vers sagt etwas, kein Kontrast und kein Reim. Die sprachlich
handelnde Größe ist einzig und allein der Sprecher. Darüber hinaus kann man sehr viele weitere Aspekte untersuchen, je nach der Zeit, die man in das Verstehen investieren will: andere Werke des Autors, die
literarische Tradition, die Geschichte des literarischen Motivs, das Verständnis der ersten Leser, der Bezug zur Zeit oder zur Biographie des Autors, um nur einige zu nennen. Aber alle diese Aspekte werden wieder von
einem Leser untersucht, der sein Verständnis anderen Lesern explizieren will; das nennen wir eine Analyse des Gedichts. Damit ist auch abgedeckt, was manche Leute Interpretation nennen; was eine über die Analyse
hinausgehende Interpretation enthalten könnte, weiß ich nicht. An einem Beispiel möchte ich zeigen, wie ich mir eine einfache Analyse vorstelle, die sich an den genannten Grundsätzen orientiert. Diesen Typ von
Analyse sollten Schüler in der Sekundarstufe I erlernen und auch in der Sekundarstufe II anwenden, wenn zu wenig oder keine weiteren Gedichte des Autors bekannt sind: Goethe: Der Fischer Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll, Ein Fischer saß daran, Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan. 5 Und wie er sitzt, und wie er lauscht, Teilt sich die Flut empor; Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: 10 Was lockst du meine Brut Mit Menschenwitz und Menschenlist Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie‘s Fischlein ist So wohlig auf dem Grund, 15 Du stiegst herunter, wie du bist, Und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht, Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht 20 Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtverklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angesicht Nicht her in ew‘gen Tau?
25 Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll, Netzt‘ ihm den nackten Fuß; Sein herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; 30 Da war‘s um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin, Und ward nicht mehr gesehn.
(Hamburger Ausgabe, Bd. 1, S. 153 f. - Verszählung um -1 verschoben) In Goethes Ballade „Der
Fischer” wird die Begegnung eines Fischers mit einer Nixe erzählt, welche den Mann zu sich in die Tiefe lockt. Es handelt sich weniger um eine Begegnung von Mann und Frau oder von Mensch und Natur als von den
Repräsentanten zweier Bereiche, des warmen Licht- und des kalten Wasserreichs. Der neutrale (auktoriale?) Erzähler beschreibt mehr den Fischer vor und nach der Rede der Nixe, als dass er Ereignisse erzählte; die Rede
der Meerfrau („ein feuchtes Weib”, V. 8) umfasst zwei Strophen, die von der beschreibenden Erzählung (jeweils eine Strophe) eingerahmt wird.Der Fischer sitzt zunächst ruhig, „ruhevoll” (V. 3), am Ufer eines
Gewässers; der Tempuswechsel zum historischen Präsens bei der gleichen Tätigkeit („saß/sitzt“, V. 2/5) zeigt eine Annäherung des Erzählers ans Geschehen. Die Erzählweise ist ausgesprochen ruhig: Die Sätze sind kurz (V.
1 und 9: zwei Hauptsätze in einem Vers), werden manchmal wiederholt oder bloß leicht abgewandelt (V. 1, 25; 9, 29). Es gibt nur zwei Nebensätze im Gedicht (V. 5 und 13 f.); die Taktfolge von vier und drei Takten pro
Doppelzeile lässt am Ende jedes Doppelverses eine Pause von einem Takt entstehen; die Pause wird durch den Kreuzreim unterstrichen. Diese Sprechweise entspricht auch dem ruhigen Sitzen des Fischers, der nach seiner
Angel schaut. „Sah” (V. 3) ist betont; die Betonung fällt aus dem ruhigen jambischen Takt heraus, ebenso die Betonung des ersten Wortes des nächsten Verses: „Kühl” (V. 4) ist er „bis ans Herz hinan”. Diese Eigenschaft,
kühl zu sein, die zunächst unverständlich ist, hat eine doppelte Bedeutung: einmal unterstreicht sie die Ruhe des Fischers, während nach dem Gesang der Nixe sein Herz „sehnsuchtsvoll” und damit unruhig wird (V. 27); zum
anderen verbindet sie ihn mit der Wasserwelt (ewiger Tau, V. 24, vs. „Todesglut” der Lichtwelt, V. 12). Schon vor der Begegnung mit der Nixe hat er eine Affinität zu ihrem Bereich, und nur aufgrund dieser Affinität ist
er für ihre Verlockungen offen: er lauscht; etwas rauscht ihm entgegen. Diese Beziehung des Mannes zur Wasserwelt wird auch durch zwei Reimpaare angedeutet: „schwoll/ruhevoll” (V. 1/3) und „lauscht/ rauscht” (V. 5/7);
es reimen sich hier jeweils Wörter, von denen eines den Mann und sein Tun, das andere das andringende bewegte Wasser bezeichnet. Im Fischer und der Nixe begegnen sich zwei Bereiche; seinem Angeln entspricht ihr Locken
als entgegengesetzte Bewegung. An den Fischer hinan und zu ihm hinauf dringen das Wasser und die Meerfrau (schwoll, V. 1; hinan, V. 4; empor, V. 6; hervor, V. 8); sie kommt, um ihm seinen Fischfang vorzuwerfen (V.
10-12) und ihn seinerseits „herunter” (V. 15) zu locken. Sie lockt ihn, indem sie singt (V. 9, 29): „zu ihm” (V. 9) ist das einzige Versende, das ohne Reim bleibt. Mit dem betonten „Ach” (V. 13) entschuldigt sie sein
tödliches Angeln; bedauert sie, dass er unwissend ist; leitet sie ein einziges verlockendes Versprechen (V. 13-16) ein, das das Wasserleben als „wohlig” (V. 14) und „gesund” (V. 16) anpreist. Danach stellt sie nur
rhetorische Fragen an ihn. In der 3. Strophe begründen ihre Fragen das vorherige Versprechen damit, dass die Lichter selber „im Meer” (V. 18) sich spiegeln und dadurch gewinnen: Labung (V. 17), Schönheit (V. 20),
Verklärung (V. 22). Die Qualifizierung des Himmels als „tief” (V. 21) wie auch die Bezeichnung „liebe Sonne” (V. 17) suggerieren eine innere Verbindung des Himmels mit dem tiefen Nixen-Wasser, welche durch den
Neologismus „feuchtverklärt” (V. 22) unterstrichen wird; klar und verklärt ist etwas oder jemand im Licht - nach den Worten der Nixe wird das Himmelsblau durch die Feuchtigkeit des Wassers verklärt. Auch der Reim
„Blau/Tau” (V. 22/24) verbindet Himmel und Wasser. Diese Beobachtungen zur 3. Strophe legen den Gedanken nahe, dass die Meerfrau lügt, indem sie dem Wasser Lichtqualitäten zuschreibt. Ähnlichen Verdacht erzeugt der
Neologismus „wellenatmend” (V. 19): Die personifizierten Gestirne atmen auf den Wellen, sagt das Wort; aber es verschweigt, dass man in den Wellen ertrinkt, weil einem die Luft fehlt. Die letzte Frage der dritten
Strophe, in der das Verb „lockt” aus V. 21 wiederholt wird, ist die verführerischste der Fragen: Indem die Erfahrung, dass man im Wasser sein Spiegelbild sieht, dahin verkürzt wird, dass dem Fischer angeblich sein
„eigen Angesicht” dort erscheine - er also quasi schon dort sei, was ja in gewisser Hinsicht stimmt (vgl. „kühl”, V. 4) - und ihn „in ew´gen Tau” (V. 24) rufe, und indem die Fragen als rhetorische (vgl. das fünfmalige
„nicht”) die Antwort vorwegnehmen, wird die Verlockung, ins Wasser zu gehen, so groß, dass der Fischer ihr schließlich erliegt; dies wird in der vierten Strophe erzählt. Die Lockung der Nixe wird von ihr selber der
Lockung des Fischers entgegengesetzt: „Was lockst du meine Brut...in Todesglut?” fragt sie ihn zu Beginn (V. 10-12); zum Schluss fragt sie: „Lockt dich dein eigen Angesicht nicht her in ew´gen Tau?” (V. 23 f.) Sie
verschweigt, dass sie selber lockt, stellt aber seinem Locken in den Tod sein Gelocktwerden ins „ewige” Leben („Glut” vs. „Tau”) entgegen. In der vierten Strophe wird erzählt, wie der Fischer der Verlockung erliegt.
Gegenüber der Ausgangssituation ist die Situation nach der Rede der Nixe teils die gleiche (Wiederholung von V. 1 und 9 in 25 und 29), teils verändert: Das Wasser berührt jetzt den Fischer (V. 26), und sein „Herz” (V.
27) ist von Sehnsucht erfüllt. Dass sein Fuß nackt ist (V. 26), und zwar von Anfang an, zeigt die bereits genannte Affinität des Fischers zum Wasserreich; er ist schon von sich aus darauf vorbereitet hineinzugehen. In
den beiden parallelen Sätzen von V. 31 wird sein Untergang in vollendeter Ambivalenz beschrieben: Sie zog, er sank; das Geschehen ist beides „halb”. Der Vergleich der Wirkung der Nixenrede, dieses Sirenengesangs, mit
dem von „der Liebsten Gruß” (V. 28) zeigt ebenfalls die Veränderung, welche durch die verlockenden Reden hervorgerufen wird; zunächst erscheint „ein feuchtes Weib” (V. 8), eine fremde Frau, aber ihre Reden wirken eben
wie die Begegnung mit „der Liebsten”. Die Alliteration „netzt/nackt” (V. 26) verbindet die Dynamik des Wassers mit der Bereitschaft des Fischers, seinen Lebensbereich zu verändern. „Da war´s um ihn geschehn” (V. 30):
Der neutrale Erzähler gibt hier und im nächsten Vers seine Distanz ein wenig auf; er bewertet das Verschwinden des Fischers als Untergang - so lese ich jedenfalls die letzten Verse. Für meine Lesart möchte ich die
Konnotation der Wendung von V. 30 ebenso wie die des Verbs „hinsinken”, was einen todesähnlichen Untergang bezeichnet, reklamieren; durch den letzten Vers erweist sich der Erzähler als dem Bereich des Sehens und des
Lichts zugehörig - und er muss ihm angehören, weil man nur in diesem Bereich etwas erzählen kann. Die Fische sind bekanntlich stumm. Zum Schluss möchte ich kurz die dumme Frage beantworten, wer denn wohl die Nixe ist
und wie sie als Herrin der stummen Fische („meine Brut”, V. 10) sprechen kann. Die Frage ist dumm, weil die Meerfrau eine Figur dieses Gedichtes und als solche einfach da ist und spricht; die Frage ist nicht dumm, weil
man vielleicht annehmen darf, dass Goethe in diesem Gedicht eine Erfahrung in einem beinahe mythischen Bild ausgedrückt hat. Wenn man Nixe und Fischer als Repräsentanten zweier Bereiche ansieht (Licht-Sprechen-„Tod” vs.
Wasser-Fühlen-„Leben”) und wenn der Fischer zunächst dem Bereich angehört, den die Nixe als Todesbereich betrachtet (V. 10-12), aber eine Affinität zum anderen besitzt, dem Lockruf folgt und den Bereich wechselt, dann
müsste die Nixe auch eine Affinität zum anderen Reich besitzen, also sprechen können - also die Stimme (des Fischers?) sein, die er hören kann, solange er noch dem Lichtreich angehört, die Stimme, deren Worte man
wiedergeben kann. Stumm wie die Fische zu werden und in einen Bereich des „reinen” Lebens einzutauchen ist eine Verlockung für den, der an der Vernunft und ihren Unterscheidungen, an der Helligkeit des Lichts und den
klaren Konturen der Dinge leidet; der Verlockung zu erliegen, auch wenn man Affinität zum Wasserreich aufweist, ist ein Untergang - dies sagt meines Erachtens Goethe in seiner Ballade „Der Fischer” (entstanden 1778,
erster Druck 1779). Oder: Die Natur hat nicht nur ein freundliches, sondern auch ein verschlingendes Gesicht. Tanja Meyer (LK Deutsch, 1997) formulierte diese Einsicht so: „Man verliert sich, wenn man die menschlichen
Grenzen überschreitet.“ (Die Analyse ist nicht vollständig. Sie wurde in mehreren Anläufen, d.h. in und mit mehreren Kursen zwischen 1993 und 2001 erarbeitet.)
Bei dieser Art der Analyse tauchen oft
Schwierigkeiten oder typische Fehler auf, von denen ich aufgrund einer Klausur in einem Grundkurs der Klasse 12 die wichtigsten zusammengestellt habe. Aufgegeben war eine Analyse des Gedichts: Georg Heym: Die Tote im Wasser
„Die Masten ragen an dem grauen Wall Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot, So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.
Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut, 5 Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.
Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht, So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz. 10
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.
Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind 15 Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.
Das lila Wasser bebt von kleiner Welle. - Der Wasserratten Fährte, die bemannen Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle. 20 Die Tote segelt froh hinaus, gerissen Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt. Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.
Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun 25 Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt, Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.“ Hinweise zum Verständnis des Gedichtes findet man unter folgenden Adressen:
www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/express/expres3.html virtuelleschuledeutsch.at/literatur3/ ex_verfall_vtfg.htm
www.schinka.de/d11-heym-u-ophelia.php3 Das Gedicht ist im August 1910 entstanden. Es ist festzustellen, dass der Sprecher
einen Hafen in der Dunkelheit als einen Ort des Verfalls, des Todes wahrnimmt, wohin der Abfall einer Stadt durch die Kanalisation geleitet wird; nur die wiederkehrende Flut belebt ein wenig das Wasser. In diesen
Schmutz hinein wird eine Frauenleiche geschwemmt, als Teil des Abfalls der Stadt, mit fett glänzendem Hals, bleiweißem Gesicht, in einem Tanzkleid. Im Wind erscheint dieses „wie ein weißes Schiff“; vergeblich starrt sie
zum Himmel und den gerade rosa leuchtenden Wolken - Himmel und Licht erreichen sie nicht.Bewegung kommt in das Geschehen durch eine Schar Ratten, welche das genannte Schiff bemannen - ein zweideutiger Vorgang, das
das „Schiff“ eine Frauenleiche ist. Sie verdecken das Weiß des Kleides und machen die Leiche damit zu einem auch farblich angepassten Teil des Hafens; der Wind zerrt an der Leiche, die Ratten fressen sich voll; ihr
Nagen scheint der Sprecher als ein Dröhnen zu hören - zum Rattenschiff und -fraß ist die Frau geworden. Als sie ins Meer treibt, salutiert Neptun; er begrüßt einen neuen Untertan seines Wrack-Reiches, in das die
Leichenreste sinken. Letzte „Ruhe“ finden sie im Arm feister Kraken; man könnte sich andere Ruheplätze für junge Frauen denken. Es geht mir hier darum zu zeigen, wie man nicht mit dem Gedicht umgehen soll; deshalb
habe ich eben sprachliche Feinheiten nicht berücksichtigt, etwa die sinntragenden Reime V. 9/12: Abfall in dicker Schicht / weiß das Leichengesicht, nicht berücktigt die Synkopen „dumpf“ (V. 5) und „Staub“ (V. 9).
Fokussierung des Blicks vom Hafen auf das erscheinende Stück Weiß, Alliterationen und Enjambements, all das kann man der Wahrnehmung zuordnen, wie eine Leiche als Teil des Abfalls zum bloßen Objekt von Wind und Ratten
wird, wie sie aus der Menschenwelt heraus in eine Tiergemeinschaft getrieben wird, zuletzt ein Nichts in der tiefen See, dem der Himmel verschlossen bleibt und nur tierhaft „ewige Ruhe“ beschieden ist. Wenn es richtig
ist, vom (fiktiven) Sprecher und seinem sprachlichen Handeln auszugehen, ergibt sich, dass bestimmte Verfahren deplatziert sind: 1. Verfehlt ist, von der Verwendung einzelner Worte auszugehen, ob man sie nun
Signalwörter nennt oder nicht. So ist es unsinnig, in der Farbe Rosa einen „Kontrast“ zum Dunkel des Anfangs zu sehen und deshalb zu meinen, mit der Leiche tauche eine „positive“ Größe auf; hier muss man die ganze
Äußerung beachten: Die Leiche starrt vergeblich „zum Himmel, der voll rosa Wolken steht“ (V. 16). Dieser rosa Himmel (was immer er sein mag) bleibt der Leiche gerade verschlossen! Das gilt ebenso für die Wendung „im
Arm... auszuruhn“ (V. 28), wobei manche an den Arm einer Mutter denken; im Text steht, die junge Frau ruhe im Arm der feisten Kraken aus - das ist sicher nicht der ideale Ruheplatz für junge Frauen und hat auch nichts
mit Geborgenheit bei der Mutter zu tun. 2. Verfehlt ist die Annahme, der Sprecher verwende Farben und wolle dadurch Stimmungen erzeugen. Richtig ist, dass der Sprecher etwas sieht und hört; der Hafen liegt also in
einer Atmosphäre des Verfalls und des Todes - der Sprecher nimmt nur eine Situation wahr; er empfindet selbst die Stimmung dieser Situation, will aber nicht beim Hörer (ebenso eine fiktionale Größe!) und erst
recht nicht beim Leser eine Stimmung erzeugen - der Leser steht dem Autor gegenüber, nur dieser hat vielleicht bestimmte Wörter ausgewählt; aber der Autor ist nicht der Sprecher! 3. Sinnlos ist es, mit dem Sprecher
über das zu streiten, was er wahrnimmt, also ob das Wasser tot sein kann oder nicht oder ob tote Augen starren können (V. 15 f.); wenn der Sprecher das sagt, können wir allenfalls zu verstehen suchen, was er damit
meint. Dabei muss man genau lesen: Das Wasser stiert tot zu den Speichern (V. 3 f.); hier könnte das Wasser „tot“ sein (was hieße das?) oder das Stieren (was hieße das?). Was heißt: Blinde große Augen starren zu einem
Himmel voll rosa Wolken? Genau lesen muss man: Nicht das Tanzkleid ist „in fettem Glanz“, sondern der Hals; „weiß“ ist nicht dasselbe wie „bleiweiß“ - bleiweiß erinnert an das Blei als Gift ; das weißt du nicht? Ja,
dann schau im Lexikon nach. Nicht die Leiche wird mit einem Schiff verglichen, auch nicht das Kleid, sondern der Vorgang, wie das Kleid sich im Wind aufbläht (V. 13 f.). Erst recht wird hier nicht die Leiche zum
Schiff! 4. Wir dürfen nicht Opfer unserer eigenen Verstehenstechniken werden: Wenn wir etwa V. 1-10 als „ersten Teil“ abtrennen, dürfen wir nicht vergessen, dass das Gedicht eine Einheit ist. Sicher beschreibt der
Sprecher zuerst die Umgebung als einen Platz des Todes und des Kotes - aber an diesen Platz wird die Leiche geschwemmt; damit zählt sie genauso zum Abfall der Stadt wie Obst und Papier. Der Sprecher schaut also auf den
Hafen, da fällt sein Blick auf etwas Weißes, was dahinein gespült wird. Dieser Vorgang bekommt eine Bedeutung, weil er auf die Wahrnehmung des Hafens folgt! Wenn man das
Gedicht vom Sprecher aus verstanden hat, gewissermaßen textimmanent: vom Sprechen des textimmanenten Sprechers aus, kann man sich der Frage zuwenden, wie Georg Heym Gedichte und auch dieses bestimmte gemacht hat: wie er
Farben verwendet, Kontraste einsetzt, das Thema „Stadt“ behandelt usw. Diese aufwändigen Untersuchungen machen es aber nicht überflüssig, den von uns beschrittenen Weg des Verstehens selbst zu gehen. Man könnte noch
vorführen, wie eine komplexere Analyse auszusehen hat; dabei müssen mehrere Gedichte bekannt sein und auch berücksichtigt werden, der Autor kommt also ins Spiel. Außerdem kann man sich explizit mit dem Verständnis
anderer Leser auseinandersetzen, mit der Sekundärliteratur. Aber das führte hier nun wirklich zu weit. Norbert Tholen
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