„Die Goldene Regel“
So wird seit dem 18. Jahrhundert der Satz bezeichnet, den wir auch als Sprichwort kennen: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu!“ Der Satz ist bereits im Alten Testament
zu finden (Tobit 4,15: „Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu.“), aber auch in den Religionen und Weisheiten vieler Völker präsent. Er verbietet nach einer einzigen Regel eine Fülle
verschiedener Handlungen, scheint dafür aber keine Begründung zu bieten. In Wirklichkeit ist die Begründung im Maßstab eingeschlossen, nach dem beurteilt werden soll, was man zu unterlassen hat. Dieser Maßstab ist
das eigene Empfinden dafür, was man nicht erleiden will oder was einem verhasst ist. Damit auch alle Leute verstehen, was gemeint ist, wird in vielen lehrhaften Beispielen der Sinn des Satzes erklärt. So gibt es etwa in
den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm die Geschichte „Der alte Großvater und der Enkel“. Darin wird erzählt, wie ein Mann seinen alten Vater, der zittert und beim Essen den Tisch bekleckert, auf Betreiben seiner
Frau vom Essen ausschließt; der Opa bekommt einen Holznapf, welcher nicht kaputt geht, wenn er fällt. Eines Tages sieht der Mann nun, wie sein kleiner Sohn an einem Holzkästchen bastelt; auf seine Nachfrage erklärt der
Junge: „Das ist für dich, wenn du einmal alt bist.“ Dadurch erschüttert lässt der Mann seinen Vater wieder am gemeinsamen Tisch mitessen. Hier wird deutlich, wie richtiges Handeln nicht nur durch die von Max Weber
genannte „Verantwortung für die vorhersehbaren Folgen einer Handlung“ ermittelt wird. In der Grimmschen Erzählung erfährt der Mann (vorweggenommen in seiner Vorstellung) am eigenen Leib, was es für den Betroffenen
bedeutet, vom Essen ausgeschlossen zu werden, weil man als alter Mensch seine Bewegungen nicht völlig kontrollieren kann. Er hat zuvor die Folgen des Ausschließens für seine Frau und sogar für die Gegenstände bedacht:
Die Frau muss nicht wischen, der Tisch bleibt sauber, das Geschirr zerbricht nicht. Was ausgeschlossen zu werden für den Vater bedeutet, hat der Mann zwar gewusst, aber nicht wirklich bedacht, nämlich nicht gespürt,
nicht mitempfunden; erst das von seinem Sohn provozierte Empfinden vermittelt „Einsicht“, was das eigene Handeln in Wahrheit für den Vater bedeutet. Der Mann muss also einen Lernprozess durchlaufen, damit er die dem
Leser oder Hörer zu vermittelnde Einsicht gewinnt. Ähnliches geschieht dem Helden des biblischen Buches Jona; wenn man die Fischepisode weglässt (sie ist deutlich sekundär: Das Gebet im Bauch des Fisches ist ein
Dankgebet nach der Rettung!), kommt man zu folgender Situation: Jona sitzt am Rand Ninives, der Hauptstadt der Feinde Israels, und möchte sie zerstört wissen; als der Strauch verwelkt und Jona wegen der Hitze eine
Migräne bekommt, ist er des Lebens überdrüssig. Diesem seinem tüchtigen Propheten (und damit dem Leser!) erteilt der HERR die Lehre (mit einer Schlussfolgerung a minore ad maius): Wenn du zu Recht über den Tod der
Staude (und deine Migräne) verstimmt bist, um wie viel mehr müsste ich GOTT dann über den von dir gewünschten Tod der vielen Bewohner Ninives („und außerdem so viel Vieh“) verstimmt sein?! Also darfst du nicht wünschen,
dass Ninive untergeht - zumal da es sich „bekehrt“ hat (Jona 3,6 ff.)! Solche Einsicht funktioniert meines Erachtens eher im Nahbereich. Die Geschichte vom belehrten Propheten Jona wurde erst lange nach der Zerstörung
Ninives erzählt; die Einsicht läuft darauf hinaus, dass auch „die Feinde“ ein Lebensrecht haben, dass der HERR auch der Gott der Feinde ist (und nicht nur „unser Gott“). Am Ende ergibt sich „Gleichheit“ der beiden
beteiligten Parteien im Leiden und im Recht auf Leben. Diese Gleichheit wird (etwa in der Familie, in den Kleingruppen) grundsätzlich gewährt, deshalb kann sie auch von allen eingefordert werden. Sie beruht auch auf der
Unterstellung, dass alle an den gleichen Kränkungen leiden (was nicht zwingend der Fall sein muss). Die Gleichheit wird nicht mehr begründet - de facto liegen ja auch Ungleichheiten vor, Ungleichheit in der Sauberkeit
und Ungleichheit in der Macht, zum Tisch zu bitten; aber Ungleichheiten werden relativiert von einem Grundsatz, der dem Gesetz der Wechselseitigkeit oder Reziprozität - bei den Brüdern Grimm über eine Generation
versetzt - entspricht: Wie du deinen Vater behandelst, so wirst und darfst auch du später von deinem Sohn behandelt werden. So wie du leidest, leiden auch „die Feinde“. Was bedeutet der Grundsatz für das
philosophische Denken? Er bedeutet, dass letzte Maßstäbe des Handelns nicht „rational“ begründet werden können (Würde des Menschen; Unterscheidung von Gut und Böse), dass sie aber auch nicht begründet zu werden
brauchen: Man weiß ja (man könnte wissen) aus eigenem Empfinden längst, was jemandem nicht angetan oder zugemutet werden darf. Er entspricht in seiner „Logik“ der Herderschen Formel, dass der Mensch nicht (total)
vernünftig ist, aber auch nicht ohne Vernunft ist; diese „Vernunft“ stammt aus der Erfahrung des eigenen Leidens, aus der darin gewonnenen Einsicht. [Woran man leidet, ist sicher nach der sozialen Gruppe und auch
individuell unterschiedlich - das damit aufgeworfene Problem wird von dem Spruch nicht gelöst; der Satz wird ja zunächst wohl innerhalb der eigenen Gruppe, also im Bereich gleichen Erlebens verwendet.] In der
Vorstellung kann diese Einsicht auch vorweggenommen werden (du selbst später = dein Vater jetzt). - Wenn ich mich nicht irre, hat Richard Thurnwald (1869 - 1954) die Bedeutung des Prinzips der Gegenseitigkeit in der
wissenschaftlichen Öffentlichkeit bewusst gemacht. Auf einen Unterschied der Goldenen Regel von Konzepten wie „Menschenwürde“ möchte ich zum Schluss hinweisen: Die Goldene Regel ist an den Erfahrungsbereich des
Normalen, des Erlebten gebunden; „Würde“ dagegen ist abstrakt, und Menschen tendieren vermutlich dazu, immer mehr als Verletzung der Würde zu empfinden; deshalb entscheiden bei uns Gerichte darüber, was als Verletzung
gilt. Die Goldene Regel leitet dazu an, die eigene beschränkte Sicht des Richtigen als des mir jetzt Passenden oder Nützlichen um die Sicht des von meinem Handeln Betroffenen zu erweitern. Erst wenn man aus beiden
Perspektiven die Handlung sieht, kommt die Sache selbst, also das, was gutes und schlechtes Handeln ist, in den Blick. So das eigene Handeln zu sehen ist offenbar nicht normal, sondern muss mühsam gelernt werden - immer
wieder, weil immer wieder unsere Impulse von der Vernunft gezügelt werden müssen (vgl. Platons Lehre von den drei Seelenteilen). Norbert Tholen |