Der Wind, der Tod und die Liebe Was haben der Wind, der Tod und
die Liebe miteinander gemeinsam, dass sie in der Überschrift nebeneinander stehen? Verspüren wir in der Liebe den Wind des Todes? Oder lassen sich „tiefsinnig“ andere Verknüpfungen der drei Größen herstellen? Viel
einfacher: Ich möchte an diesen drei Wörtern untersuchen, wie uns ihre Verwendung zu allerlei seltsamen Vorstellungen führen kann - ich scheue mich nicht zu sagen: verführen kann.
In manchen deutschen Redewendungen wird vom Tod wie von einer Person gesprochen: Man kann dem Tod ins Auge sehen; man kann mit dem Tod ringen; man kann vom Tod gezeichnet sein, und wenn man
dann Glück hat, kann man ihm doch noch von der Schippe springen. Albrecht Dürer, um einen deutschen Maler zu nennen, dessen Darstellungen bekannt sind, hat 1513 den Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ geschaffen; dort
hat der Tod ein affenartiges Gesicht, zwei Schlangen ringeln sich um Hals und Hut. „König Tod zu Pferde“, eine Kohlezeichnung von 1505, zeigt ein Gerippe, das sich mit der rechten „Hand“ an der Mähne seines Gauls
festhält und in der linken eine Sense trägt.Auch in Märchen tritt der Tod als eine handelnde Figur auf. So hat ihn ein armer Mann - Ludwig Bechstein wusste sogar, dass er Klaus hieß - als Taufpaten seines dreizehnten
Kindes genommen und so dem Sohn eine glänzende Karriere als Arzt ermöglicht (Brüder Grimm: Der Gevatter Tod). Ein anderes Mal wurde der Tod sogar von einem Riesen niedergeschlagen; doch ein junger Mann „richtete ihn
auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein und wartete, bis er wieder zu Kräften kam“. Zum Dank versprach der Tod, er werde jenen nicht unversehens überfallen, sondern ihm vorher seine Boten schicken.
Aber als diese kamen, erkannte der Mann sie nicht und musste dann doch wie viele andere unerwartet sterben (Brüder Grimm: Die Boten des Todes). In einem französischen Märchen wird erzählt: „Wie der Tod genarrt wurde“,
nämlich von einer alten Frau, der ein namentlich nicht bekannter Heiliger einen Wunsch frei gegeben hatte; diese Frau wünschte sich darauf einen Pflaumenbaum, der jeden festhalten konnte, welcher ihn bestieg. Und als
der Tod sie holen wollte, bat sie ihn um einen Gefallen und schickte ihn ein paar Pflaumen pflücken... (Märchen der Welt, Bd. 2; dtv 2038, S. 25 f.) Wer oder was ist also der Tod? Wenn man ins Wörterbuch schaut,
findet man: „Aufhören, Ende des Lebens“ (Duden: Deutsches Universalwörterbuch). Demnach wäre „der Tod“ so etwas wie ein Vorgang oder ein Ereignis. Er hat jedenfalls einen zeitlichen oder Datums-Charakter; man kann etwa
die Bewunderung für Goethe vor und nach seinem Tod beschreiben. Wenn man dann weiter nachdenkt, müsste man eigentlich sagen: Der Tod ist nichts; denn wenn mit dem Tod das Leben endet, dann hat nur etwas (das Leben) bzw.
jemand aufgehört zu sein, er ist also jetzt nicht mehr. Wenn wir dagegen sagen, der Tote weile nicht mehr „unter den Lebenden“, wird damit unterstellt, es gebe einen anderen Bereich, wo jemand verweilen könnte. Aber
streng genommen müsste man sagen, er sei nicht mehr da; dabei besagt dieses „nicht mehr“ anders als sonst nicht, dass diesem Zustand demnächst wieder der vergangene Zustand folgen könnte. Also heißt „Tod“: Etwas oder
jemand endet definitiv, unwiderruflich; etwas oder jemand geht vom Bestand in den Nicht-Bestand über. Man merkt, dass wir das definitive Ende mit der Metapher „übergehen“ nur in einem weiterlaufenden Kontinuum denken;
indem wir sagen, der Tote sei tot, unterstellen wir noch eine Größe „Toter“, von der wir sprechen, als ob sie (irgendwo, irgendwie) da sei. Um genauer zu sprechen, um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen,
müssten wir nicht „der Tote“ sagen, sondern seine Leiche „das, was vom Lebenden übriggeblieben ist“ nennen; etwas, was man verbrennen kann oder was sich zersetzen wird. Nur unser Gefühl oder unser Gedenken besteht über
den Tod anderer hinaus und lässt uns vom Toten wie von einem andernorts Lebenden sprechen. Wer oder was ist die Liebe? „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, sang einst Conny Francis, „sie kommt und geht von einem zum
andern...“ Vielleicht können wir uns darauf verständigen, dass sie eine Art der Beziehung zweier Menschen ist. Aber dagegen gibt es viel einzuwenden: Liebe kann nicht erwidert werden und doch bestehen; ist sie dann also
keine Beziehung, sondern nur ein Gefühl? Aber was ist ein Gefühl? Außerdem kann man Tiere lieben, ebenso Pflanzen oder Dinge oder den Erfolg. In einem russischen Märchen kommt Iwan, dem Kaufmannssohn, die Liebe der
Zar-Jungfrau abhanden. Mit Hilfe einer alten Frau erfährt Iwan jedoch, dass am anderen Ende des Ozeans eine Eiche steht. „Auf der Eiche ist eine Truhe, in der Truhe ein Hase, in dem Hasen eine Ente, in der Ente ein Ei
und in dem Ei ist die Liebe der Zar-Jungfrau.“ Iwan besorgt das Ei, die Alte brät es, besagte Jungfrau isst es „und entbrannte im gleichen Augenblick in heißer Liebe zu Iwan dem Kaufmannssohn“ (Zar-Jungfrau, in A.N.
Afanasjew: Russische Volksmärchen. Patmos und Albatros Verlag, 2001, S. 218). Hier wird also eine Beziehung wie ein Ding, wie eine Substanz vorgestellt, die man essen kann und die darauf zu wirken beginnt, die als
antwortende Begierde der einen die Beziehung der beiden entstehen lässt. Es verwundert nicht, dass in einem anderen russischen Volksmärchen (Zarewna Unke, a.a.O. S. 256) der Tod des bösen Kostschej in gleicher Weise in
einem Ei zu finden ist, nur dass in diesem Ei zusätzlich eine Nadel sich befindet, in deren Spitze besagter Tod steckt; als Iwan diese Spitze abbricht, kann Kostschej nicht mehr seinen Tod abwehren, stirbt und muss die
von Iwan geliebte Wassilissa freilassen. Bleibt uns noch der Wind zu bedenken. „Wir sagen: Der Wind weht, als ob der Wind zunächst ein ruhendes Etwas wäre, das sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in Bewegung setzt und
zu wehen beginnt - als ob der Wind etwas anderes wäre als das Wehen, als ob es auch einen Wind geben könnte, der nicht weht.“ (N. Elias: Was ist Soziologie? 1970 = 1986, S. 119) Mit diesen Überlegungen knüpft Norbert
Elias an unzureichende Vorstellungen von Macht an: als ob Macht etwas Dingliches wäre, das man haben oder verlieren kann; Elias schlägt vor, diesen missverständlichen Begriff durch den der relativen Spielstärke zu
ersetzen (a.a.O., S. 76 f.). Seine weiterführenden Überlegungen stehen unter der Überschrift: „Die Notwendigkeit neuer Denk- und Sprachmittel“ (a.a.O., S. 118) Fassen wir unsere Überlegungen zusammen: Die Liebe, der
Tod, der Wind - man könnte mit Norbert Elias auch die Zeit hinzuzählen und meiner Meinung erst recht das Nichts - das sind keine Dinge, auch wenn wir darüber wie über Dinge oder handelnde Größen sprechen, indem wir sie
mit Nomina bezeichnen. Wir müssen uns der im Sprachgebrauch verborgenen Gefahren bewusst sein; jeder Märchenleser weiß ja, dass der Tod nicht Taufpate sein kann und dass die Liebe nicht in einem Entenei steckt; auch ist
der Wind nicht an einem Ruheplatz, wenn er nicht weht. Ich will oder kann hier keine Theorie entwickeln, wie wir angemessen über den Tod und die Liebe, die Zeit und die Macht sprechen können - vom Nichts
sollten wir am besten gar nicht sprechen, um kein dummes Zeug zu reden. Es bleibt zum Schluss das Postulat von Norbert Elias gültig: „Die Notwendigkeit neuer Denk- und Sprachmittel“; solange wir solche nicht haben,
müssen wir die vorhandenen reflektiert und vorsichtig gebrauchen. Norbert Tholen
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