Es
gibt verschiedene Arten von Texten und viele Möglichkeiten, sie einzuteilen. Eine in Schule und Wissenschaft häufig gebrauchte Sorte sind die theoretischen Texte. In theoretischen Texten wird keine offenbarte Wahrheit
verkündet (wie in religiösen Urkunden), wird nicht zu einem Handeln angeleitet (wie in einem Kochrezept), wird nicht bloß eine Information vermittelt (wie in einer Zeitungsnachricht). In ihnen wird vielmehr
argumentiert. Wie wird theoretisch argumentiert? Und wie kann man eine Argumentation analysieren? Analysieren heißt: sprachlich-gedankliche Operationen von außen rekonstruieren, nicht Inhalte vom Standpunkt des
Autors aus reproduzieren! Es gibt vier wesentliche Aspekte, die man beachten muss, wenn man theoretische Texte analysieren und sich mit ihnen angemessen auseinandersetzen will. Diese Aspekte umschreibe ich mit folgenden
Stichworten:
* das Prinzip von Frage und Antwort;
* das Bild des Gedankengangs;
* die Theorie des sprachlichen Handelns;
* das Problem der Kommunikation zwischen Autor und Leser.
Man versteht
normalerweise eine Äußerung, wenn man die Situation (sowie das Verhältnis der Personen, eventuell noch den Tonfall) kennt, in der sie gemacht wird. Wenn jemand auf dem Bahnsteig sagt: "Hier zieht es.", dann
bedeutet das wahrscheinlich: "Ich fühle mich nicht wohl; hoffentlich kommt bald der Zug." Wenn man dagegen in einem Zimmer die gleiche Äußerung macht, bedeutet sie vermutlich: "Schließe bitte die
Tür!" Die Situation ist der Rahmen, in dem eine Äußerung ihre Bedeutung hat.
Theoretische Texte dagegen scheinen ort- und zeitlos, also nicht an eine bestimmte
Gesprächssituation gebunden zu sein; man findet
sie meistens in schriftlicher Form vor, als Aufsatz oder Buch. In dieser Form sind sie "immer" zugänglich; sie werden nicht in die Situation eines bestimmten Lesers geäußert. Sie haben jedoch einen Rahmon, und
zwar die im Gespräch der Fachleute behandelten Fragen ("die Fachliteratur"); manchmal beziehen sie sich auf einen konkreten Gesprächsbeitrag. Das Prinzip ist auch in der arabischen Spruchweisheit bekannt:
"Wer klug zu fragen versteht, wird zu wissen bekommen." Ein theoretischer Text ist die Antwort auf eine Frage des Autors, ein Beitrag zum Gespräch der Fachleute. Damit ist "die Frage" das, was beim
normalen Gespräch die Situation ist: Rahmen einer Äußerung, der ausmacht, worauf jene abzielt, was jene also bedeutet. Von einer Frage ausgehen - das ist der Kern eines theoretischen Textes; dessen Frage
"sehen" oder mithören - das ist Bedingung des Verstehens.
Auch um philosophische Texte zu verstehen ist es wichtig, das Prinzip von Frage und Antwort anzuwenden. So erzählt Sokrates am Ende des platonischen
Dialogs "Gorgias" den Mythos vom Totengericht; dieses wurde von Zeus eingerichtet, um wirklich wahre Urteile über die Menschen zu finden, damit die Bösen in den Tartaros und die Guten auf die Inseln der
Seligen kommen (Kap. 79 ff.). Wenn man nun diesen Mythos als Antwort auf die Frage liest: "Was lehrte Platon über den Tod?" (oder "Was lehrte Sokrates?"), hat man ihn gründlich missverstanden. Im
Kontext sagt Sokrates, welche Fragen er mit diesem Mythos beantworten will: "Wieso darf man niemals Unrecht tun? Wieso muss man eher Unrecht erleiden als verüben?" Dazu erklärt der Mythos: Dies muss man tun,
weil die Seele des Menschen durch seine Taten geformt wird und weil die Wahrheit über einen jeden letztlich erkennbar ist. Platon hat natürlich nicht gemeint, dass es ein Totengericht gibt.
Der zweite Aspekt zum
Verständnis theoretischer Texte ergibt sich aus der Einsicht, dass man seinen Fragen auf die richtige Weise oder auf dem richtigen Weg nachgehen muss, wenn man wahre Antworten erhalten will. Bereits Parmenides hat den
"Weg des Forschens" gekannt. "Wer sich vornimmt, auf verständige Weise die Untersuchung durchzuführen, der wird auch auf verständige Weise zur richtigen Lösung kommen." So zitiert der Spanier Petrus
Alfonsi im 11. Jahrhundert einen nicht näher genannten Philosophen (Disciplina clericalis, II. Exempel); damit zeigt er, dass die Idee des Weges im ganzen europäischen Raum bekannt ist. Methode heißt das Stichwort
hierzu: auf dem richtigen Weg vorgehen, um wahre Antworten zu finden.
Das Symbol des Weges ist, wie Bruno Snell gezeigt hat, von Anfang an mit der Erfahrung verbunden, dass Erkenntnis schrittweise gewonnen wird.
Schrittweise, das heißt, dass Erkenntnisse von einer Generation zur anderen korrigiert und erweitert werden: "Die Götter haben den Menschen durchaus nicht gleich am Anfang alles enthüllt, sondern im Lauf der Zeit
suchen und finden sie Besseres hinzu." (Xenophanes, DK 21 B 18) Dann bedeutet es, dass auch der einzelne Mensch seine Erkenntnisse nicht auf einmal gewinnt, und vor allem, dass sie anderen in einem Gedankengang
entfaltet werden müssen. In einem theoretischen Text sollte ein sorgfältig konzipierter Gedankengang Schritt für Schritt gemacht werden. Sprechakte, nämlich sprachlich-logische Handlungen des Argumentierens und Prüfens
stellen die einzelnen Schritte dar - der dritte Aspekt; die verschiedenen Schritte zum Ziel müssen als eine geordnete Abfolge zusammenhängen. Damit ist die argumentative Seite theoretischer Texte zunächst umschrieben.
Die Argumentation erfolgt nun im Hinblick auf "alle möglichen" Leser mitsamt ihren Interessen, ihren Kenntnissen und ihren Einwänden - der vierte Aspekt. Hier gibt es viele Probleme, die gerade ein Lehrer
beachten muss: Seine Schüler kennen in der Regel nicht den Stand der wissenschaftlichen Diskussion, sollen aber an ihn herangeführt werden. Ein guter Autor stellt sich übrigens auf solche Leser ein; er wird im Text die
Fragestellung, die er behandelt, nennen und so auch weniger fachkundige Leser ansprechen. Außerdem gehört es zur intellektuellen Fairness, sich mit möglichen Einwänden auseinanderzusetzen.
Was es heißt, die vier
genannten Aspekte zu beachten, möchte ich an einem Aphorismus Nietzsches zeigen: "Wer viel zu tun hat, behält im Allgemeinen seine Ansichten und Standpunkte fast unverändert bei. Ebenso jeder, der im Dienst einer
Idee arbeitet; er wird die Idee selber nie mehr prüfen, dazu hat er keine Zeit mehr; ja es geht gegen sein Interesse, sie überhaupt noch für diskutierbar zu halten." (Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Nr.
511) Was sagt Nietzsche hier? Worauf will er hinaus? Ich nenne zwei mögliche Fragen:
1. Ist es gut, dass wir so viel arbeiten?
2. Warum sind gerade Erwachsene geistig oft unbeweglich?
Vermutlich sind Sie mit
mir der Meinung, dass die zweite Frage diejenige ist, welche den Text Nietzsches besser erschließt. [In diesem Zusammenhang wäre allgemein zu prüfen, mit welcher Sicherheit man als Leser die richtige Fragestellung
finden kann.] Wenn man diese Frage nicht sieht oder spürt und nach der zweiten Lektüre nicht formulieren kann, versteht man den Text nicht.
Warum also sind Erwachsene, unsere Mitmenschen, oft so unbeweglich?
Ausgangspunkt Nietzsches ist die Feststellung, dass es so ist. Da dies für ihn verwunderlich ist, taucht die Frage auf: Warum ist das so? Nietzsche sucht also Gründe für die Tatsache, dass viele an Überzeugungen
festhalten, obwohl diese leicht als falsch zu erkennen wären. Er findet zwei Tatsachen, die er als Gründe des fraglichen Sachverhaltes ansieht: 1. Menschen haben oft viel zu tun. [Diese Beobachtung entfaltet er nicht
mehr zum Argument; es ist ja bekannt, dass Leute keine Zeit und wenig Lust zum Nachdenken haben, wenn sie viel zu tun haben.] 2. Es gibt eine Reihe von Leuten, die im Dienst einer Idee arbeiten, als Funktionäre oder
Begünstigte einer Partei, einer Kirche, eines Verbandes oder Betriebs und so weiter. Diese haben wie die erste Gruppe keine Zeit zum Nachdenken; sie haben aber zusätzlich kein Interesse daran, "ihre" Idee für
diskutierbar zu halten. [Hier bricht Nietzsche seine Begründung ab. Die logische Abrundung des Arguments ist offensichtlich: Wer die Idee, in deren Dienst er arbeitet und wovon er folglich lebt, für diskutierbar hält,
gefährdet seinen Arbeitsplatz und seinen Lebensunterhalt. Dies nicht zu tun ist sprichwörtlich verfestigt: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing."] Damit ist Nietzsche am Ziel angelangt: Er hat zwei Gründe
dafür gefunden, dass Menschen oft geistig unbeweglich sind; den zweiten Grund hat er noch teilweise entfaltet. Mit seinen Argumenten knüpft Nietzsche offenbar an Erfahrungen seiner Leser an; er setzt voraus, dass sie
ebenso wie er von dieser Frage beunruhigt werden. Er traut ihnen auch zu, die Gedanken selbständig abschließen zu können; Widerspruch erwartet er nicht.
Wenn ein theoretischer Text in diesen vier Aspekten erfasst
ist, kann man sich argumentativ mit ihm auseinandersetzen. Die Hauptfragen könnten sein: Ist die Ausgangsfrage richtig gestellt? Knüpft der Autor an den Stand der Forschung an? Wie lautet die Antwort? Welche Einwände
gegen seine Antwort hat er berücksichtigt? Sind seine Argumente schlüssig? Liegt ein zusammenhängender Gedankengang vor, so dass die Antwort begründet ist?
Wir sind jetzt am Ende unseres Gedankengangs. Als Frage der
Leser habe ich vorausgesetzt: "Wie kann man theoretische Texte verstehen und analysieren?" Diese Frage habe ich beantwortet, indem ich vier Aspekte unterschieden habe; dabei habe ich Beispiele verwendet und
einige Vor-Denker als Autoritäten zitiert. Ist das Ziel erreicht worden? Oder können Sie argumentativ zeigen, dass die genannten vier Aspekte falsch oder unvollständig sind?
Norbert Tholen
Es folgen zwei
Arbeitsblätter, in denen für Schüler der Sekundarstufe II die vorhergehenden Überlegungen "praktikabel" dargestellt sind.
Analyse theoretischer Texte
Ein Text ist ein Medium der Kommunikation
zwischen Menschen.Wenn man den medialen Ort wahrgenommen hat, kann man bei der Analyse theoretischer Texte vier oder fünf Aspekte unterscheiden:
1. die Analyse von Frage und Antwort (Problem-Analyse):
Der
Autor versucht im Gespräch mit anderen ein bestimmtes Problem zu lösen, eine Frage zu beantworten. Zu bestimmen und zu benennen sind also (als Frage - Antwort): das Problem und seine Lösung.
2.
die "methodische" Analyse:
Der Autor kommt in einem Gedankengang zur Antwort auf die Frage.
Zu beschreiben sind also der Ausgangspunkt (Voraussetzungen), die Gedankenschritte (auch um Einwände
herum), das Ziel (Ergebnis) des Gadankengangs. "Gedankengang" ist eine Metapher, Methode ist Wege-Kunde.
3. die Analyse der leitenden Sprechweisen (Sprechakt-Analyse):
Der Autor handelt
, wenn er für Leser etwas schreibt: Er
stellt dar (beschreibt) zum Wahrnehmen;
erklärt zum Verstehen;
bewertet zum Beurteilen;
fordert auf zum Handeln.
Diese vier elementaren Sprechweisen muss man
kennen und exakt unterscheiden, wenn man sich begibt an
4. die Analyse der Argumentation ("dia-logische" Analyse):
Bei dieser Analyse erfasst man den einzelnen Gedankenschritt; der Autor trägt
(hoffentlich!) Gedanken vor, die er in Auseinandersetzung mit anderen vertritt und die einer Überprüfung standhalten sollen. Die wichtigsten Begriffe, in denen diese Auseinandersetzung erfasst wird, sind (nach Stärke
der Argumentation sowie den Aspekten pro/contra geordnet):
etwas behaupten - bestreiten (Position beziehen);
etwas begründen - entkräften (argumentieren);
etwas beweisen - widerlegen (stark, gültig argumentieren).
5. die Analyse der Vermittlung ("didaktische" Analyse):
Der Autor hilft meistens dem Leser, ihm auf seinem Gedankengang zu folgen; er
gliedert seine Überlegungen, gibt einen Überblick über das Ganze, kündigt spätere Gedanken an, verweist auf bereits Gesagtes zurück, leitet zum nächsten Punkt über, fasst Ergebnisse zusammen; er macht etwas durch
Beispiele anschaulich und macht Scherze, um den Leser nicht zu ermüden.
Zur Analyse expositorischer Texte
kommt man vom Verständnis theoretischer Texte, wenn man Folgendes bedenkt: Expositorische Texte
haben einen mehr oder weniger großen theoretischen Anteil, aber darüber hinaus einen pragmatischen. Zusätzlich zu dem, was bei der Analyse theoretischer Texte zu beachten ist, sind folgende Gesichtspunkte von Bedeutung:
1. die Bestimmung der Textsorte
Es ist also die Situation zu beachten, in welcher der Text verwendet wird. Damit ist der wichtigste Unterschied zum theoretischen Text angedeutet: Expositorische Texte
werden zu bestimmten
Zwecken verwendet. - Wenn man sich in einem Medium gut auskennt, kann auch der mediale Ort etwas über den Text "sagen" : Der Klappentext eines Buches ist und leistet eben etwas anderes
als der Aufmacher in der Wochenzeitung DIE ZEIT.
2. die Analyse des Versuchs, Einfluss zu nehmen (rhetorisch-taktische Analyse)
Der Autor geht auf den Leser oft nicht wie auf einen Unwissenden zu, dem
etwas erklärt werden muss, sondern auf jemand, den er für seine Sache gewinnen muss. Außerdem dauert eine logisch zwingende Argumentation lange, ist schwierig oder sogar unmöglich. So wird häufig versucht, den Leser mit
verschiedenen Mitteln, die manch mal ans Überreden oder Überrumpeln grenzen, zu überzeugen. Hier wäre alles das zu beachten, was man bei der Analyse politischer Reden lernt: bildhafte Sprache, Einbeziehung des Lesers
("wir"), Verwendung wertender Wörter; Kontrastbetonung oder -abschwächung, unzulässige Verallgemeinerung und so weiter.
3. die Analyse der Ausschmückung (rhetorisch-stilistische Analyse)
Der
Autor gestaltet seinen Text, schmückt seine Rede beziehungsweise "Schreibe" aus - oft zwar, um taktisch die Leser bzw. Hörer für seine Position zu gewinnen (siehe 2.!), meist jedoch aus reiner Freude am
sprachlichen Spielen. Die rhetorischen Stilmittel werden gesondert im Unterricht behandelt. Eine Übersicht bieten:
Poetik in Stichworten. Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Eine Einführung von Ivo Braak
. 1990 (7. Auflage), S. 41 ff.
Liewerscheidt, Dieter: Schlüssel zur Literatur. München 1990 (= Düsseldorf 1987), S. 68 ff.
Die primär stilistische Analyse wäre eine andere Form der Textanalyse.
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Norbert Tholen